Wenn Eltern streiten: Hochstrittigkeit als Herausforderung und Chance für systemische Mediation
In einer Befragung von Beratungsfachkräften im Rahmen der DJI-Studie „Trennungsberatung im Wandel“ (Kindler/Eppinger, 2022) schätzten diese den Anteil hochkonflikthafter Eltern an ihren Beratungsfällen auf etwa 40%. Ähnliches berichteten Mitarbeitende in Jugendämtern in einer Befragung im Jahr 2023.
Gleichzeitig merkt die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) in ihrer Stellungnahme zum 10. Familienbericht des BMFSFJ an, dass „die Beratung von hochstrittigen Eltern in Trennung […] eine der herausforderndsten Aufgaben in der Erziehungsberatung“ ist. (bke, 2025, S. 4).
Häufig wird von Hochstrittigkeit bei Eltern gesprochen, die über längere Zeit intensiv ihre Kinder betreffende Konflikte austragen (vgl. Kindler, 2017). Übliche Interventionen, das heißt niedrigschwellige Beratungsangebote, Psychoedukation und Entscheidungen des Familiengerichts bleiben definitionsgemäß erfolglos und das Konfliktniveau kann nicht gesenkt werden. In der Praxis begegnen uns beispielsweise zahllose Anträge bei Gericht, Kontakte zu wechselnden Beratungsstellen und viel Jugendhilfeerfahrung.
Der Begriff (hier könnte fast von einer Diagnose gesprochen werden) Hochstrittigkeit ist eine feststehende Beschreibung, die in der Praxis der Familienberatung und Mediation zur Orientierung beiträgt und Elternfunktionalität (in diesem Fall eher Dysfunktionalität) beschreibt. Hilfreich zur Einschätzung kann hier der „Fremdeinschätzungsbogen Elternfunktionalität“ von Weber/Ritzenhoff (bke, 2018) sein.
Zugleich verdient der Begriff Hochstrittigkeit selbst eine kritische Reflexion. Als Label verwendet, wirkt er häufig stigmatisierend und verengt den professionellen Blick. Er suggeriert Widerständigkeit, Unkooperativität oder gar Beratungsresistenz und kann Abwehr, Pessimismus oder Überforderung bei Fachkräften auslösen.
Systemische Perspektiven laden zu einem Blickwechsel ein: viele dieser Eltern bringen Lebensgeschichten mit, die von frühen Verletzungen, Bindungsunsicherheiten und Traumatisierungen geprägt sind. Aktuelle Konflikte lassen sich oft als Reaktivierung früher Überlebensmuster verstehen, die im Kontext naher Beziehungen – insbesondere in Trennungs- und Elternkonflikten – erneut wirksam werden. In diesem Sinne ist der Konflikt nicht Ausdruck von „Böswilligkeit“, sondern von Not, Überforderung und mangelnden inneren Alternativen.
Gerade deshalb sind diese Familien auf professionelle, zugewandte und strukturierende Begleitung angewiesen. Qualifizierte systemische Mediator*innen verfügen über die Fähigkeit, eine klare äußere Struktur zu setzen, verbindliche Regeln zu etablieren und den Prozess verlässlich zu rahmen – so, wie es in fundierten Weiterbildungen zur systemischen Mediation vermittelt wird. Strukturierung und Regelsetzung schaffen Sicherheit, Orientierung, Klarheit und einen Raum, in dem Reflexion und Deeskalation überhaupt erst möglich werden.
Zentral ist dabei eine innere Haltung der Wertschätzung und Zuversicht, auch wenn es mal „heiß her geht“. Die Beteiligten haben einen guten Grund für ihr Verhalten. Mit einer allparteilichen Haltung an dem zu klärenden Thema zu arbeiten, schafft Vertrauen in den Prozess und erste Räume der Verständigung. Dabei hilft es den Eltern mit der Grundannahme zu begegnen, dass kein Elternteil dem anderen oder den Kindern bewusst schaden will. Die Anerkennung des Schrittes, sich trotz aller Eskalation auf Beratung einzulassen, setzt einen wichtigen positiven Akzent.
Die Sachverständigenkommission empfiehlt im 10. Familienbericht ein hohes Qualifikationsniveau der Fachkräfte und nennt hierbei explizit Mediationskonzepte.
Systemische Mediation gibt Fachkräften ein strukturierendes Verfahren, basierend auf systemischen Konzepten, an die Hand, durch das gemeinsam Lösungen gefunden werden können.
Informationen zu unserem Aufbaumodul „Systemische Mediation“ erhalten Sie hier.
Quellen und Literatur:
Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): Bke-Stellungnahme zum 10. Familienbericht: 3/2025 Informationen für Erziehungsberatungsstellen S. 4-7
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2025): Zehnter Familienbericht – Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen. Berlin: BMFSFJ. Bundestags Drucksache 20/14510
Kindler, H. (2017): Entstehungsbedingungen, Formen, Wirkungen sowie Beratungs- und Interventionskonzepte bei Hochstrittigkeit. In: EKFuL (Hrsg.): Hochstrittigkeit. Dokumentation des Fachtages 12.10.2017 in Nürnberg. Materialien zur Beratungsarbeit 34/2017.
LAG Erziehungsberatung Bayern: Erziehungsberatung aktuell 1/2026, Fachdiskussion S 6-9
Weber/Ritzenhoff 2018 erschienen in Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): 3/2018 Informationen für Erziehungsberatungsstellen S.19 ff
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