Studie: Mehr Kinder, mehr Belastung? Warum sich ein Blick auf die Ressourcen von Mehrkindfamilien lohnt
Unser Teammitglied Michelle Zentner hat gemeinsam mit Dr. Inés Brock-Harder eine interessante Studie durchgeführt:
Kinderreiche Familien werden häufig vor allem unter dem Blickwinkel erhöhter Belastungen betrachtet: wenig Zeit, begrenzter Wohnraum, finanzielle Herausforderungen und ein hoher organisatorischer Aufwand. Doch eine solche Perspektive greift zu kurz. Mehrkindfamilien verfügen zugleich über besondere Ressourcen, die gerade in Krisenzeiten wirksam werden können.
In einer Studie zum subjektiven Belastungserleben von Eltern während der COVID-19-Pandemie zeigte sich ein zunächst überraschender Zusammenhang: Je mehr minderjährige Kinder im Haushalt lebten, desto geringer war tendenziell das berichtete Belastungserleben. Aufgrund der begrenzten statistischen Aussagekraft ist dieses Ergebnis vorsichtig zu interpretieren, es eröffnet jedoch eine wichtige ressourcenorientierte Perspektive auf Mehrkindfamilien und widerspricht dem bislang defizitorientierten Fokus der Forschung.
Geschwister konnten während der damals geltenden Kontaktbeschränkungen Spielpartner:innen, Unterstützende und wichtige Bezugspersonen füreinander sein. Sie halfen sich bei schulischen Aufgaben, übernahmen altersangemessen Aufgaben im Alltag und boten einander soziale Nähe. Auch die Eltern kinderreicher Familien konnten möglicherweise auf bereits erprobte Routinen, klare Strukturen und vielfältige Bewältigungsstrategien zurückgreifen.
Aus systemischer Sicht wird daran besonders deutlich: Die Belastung einer Familie lässt sich nicht einfach aus der Anzahl ihrer Mitglieder ableiten und Systeme sind nicht trivial zu verstehen. Entscheidend ist vielmehr, wie Beziehungen gestaltet sind, welche Rollen und Strukturen sich entwickelt haben und welche Ressourcen innerhalb des familiären Netzwerks aktiviert werden können, in Krisenzeiten, aber auch so im Alltag. Geschwisterbeziehungen, familiärer Zusammenhalt und gemeinsam entwickelte Bewältigungskompetenzen können wichtige Schutzfaktoren für Familien und ihre einzelnen Mitglieder darstellen.
Das bedeutet nicht, die realen Herausforderungen kinderreicher Familien zu relativieren. Finanzielle Belastungen, beengter Wohnraum und fehlende Unterstützungsangebote bleiben bedeutsam. Umso wichtiger ist es, den häufig defizitorientierten Blick zu erweitern und Mehrkindfamilien auch als kompetente, resiliente Systeme wahrzunehmen.
Der vollständige Fachbeitrag von Michelle Zentner und Inés Brock-Harder ist in der Zeitschrift Familiendynamik – Systemische Praxis und Forschung erschienen:
Zentner, M. & Brock-Harder, I. (2024). Kinderreichtum als Ressource während der COVID-19-Pandemie und für das seelisch gesunde Aufwachsen in Familien. Familiendynamik, 49(1), 38–47. https://doi.org/10.21706/fd-49-1-38
Das Bild wurde mit KI erstellt.



